Garz

Garz, ein Dorf in Brandenburg

Eine Fotodokumentation von Thomas Hillig, Text Christina Tilmann, Michael Zajonz

 

Wenn man sich als Zuzügler aus der Stadt für ein ganz bestimmtes Haus in einem ganz bestimmten Dorf entschieden hat, ist man naturgemäß parteiisch. In Garz sind die Nachbarn netter, die Dorffeste geselliger, die Kirchturmspitze spitzer und das Wetter besser, finden wir. Auch wenn das natürlich Wunschdenken ist, wie der Blick auf die schon von Fontane beschriebene, nur drei Kilometer entfernte Kirchturmspitze von Wildberg zeigt.

            Der in Berlin lebende Architekt und Fotograf Thomas Hillig hat im Frühjahr 2014 unser Dorf fotografiert. „Garz, ein Dorf in Brandenburg“ nennt er seine fotografische Dokumentation in Schwarzweiß, die den Blick von außen mit der Empathie des klugen Beobachters vereint. Hilligs Ausgangsidee war, ohne Vorankündigung an den Häusern zu klingeln und deren Bewohner vor ihren Eingangstüren zu fotografieren. Parallel zu den so entstandenen Bildern hat Hillig seine Aufmerksamkeit auch auf die Häuser, Gärten, Straßen und Details gerichtet. Entstanden ist das Porträt eines Dorfes, das jenseits des Momentcharakters fotografischer Schnappschüsse wirkt.

            Die Kunsthistorikerin Svetlana Alpers beschreibt in ihrem berühmten Buch „The Art of Describing“ den Einfluss optischer Hilfsmittel wie der Kamera Obscura auf die Realitätswahrnehmung holländischer Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts. Es ist nur scheinbar ein Paradox, dass ein technisches Hilfsmittel (egal, ob mechanisch-optischer oder, wie heute, digitaler Natur) als Distanzebene zwischen dem Bilderzeuger und der Realität tritt und zugleich diese Realität schärfer und plastischer erfahren lässt als durch das menschliche Auge. Die Kamera funktioniert doppelt: als Apparat zur Bilderzeugung und als Aufforderung an den Künstler, den wortwörtlichen Schritt zurück zu treten. Es entsteht eine Distanz, die im Detail das Typische erkennen lässt.

            Mit seiner Entscheidung, ausschließlich in Schwarzweiß zu fotografieren, hat Thomas Hillig diese Distanzierungsbewegung des Mediums verstärkt. Die üppig wuchernde Natur im Frühling, die durchaus farbenfrohen Gestaltungsmerkmale an Häusern und Zäunen werden überführt in ein einheitlicheres, zeitloseres Erscheinungsbild. Selbst die Bewohner in ihrer charakteristischen Eigenart wirken im dokumentierenden Schwarzweiß aus dem Hier und Jetzt ins Allgemeintypische enthoben. Nicht von ungefähr kommt Michael Hanekes in norddeutschen Dörfern in Schwarzweiß gedrehter Film „Das weiße Band“ in den Sinn …

            Garz, ein Dorf mit rund 140 Bewohnern am Rande des Rhinluchs, touristisch im „Abseits“, wie Günter de Bruyn es nennen würde, ist in Thomas Hilligs Dokumentation nicht irgendein Ort. Es ist ein typischer Ort, ein prototypischer. Und gleichzeitig, in der weiten Landschaft, den liebevoll gepflegten Gärten, den stillen Wegen und geselligen Garten-Runden, ein besonders freundlicher, schöner und besonderer Ort. Kein Wunschdenken von parteiischen Neu-Garzern, sondern objektiv belegt in diesen Bildern.